Was passiert mit Gold, wenn die Fed die Zinsen wieder erhöht?

Goldpreis unter Druck? Warum derzeit alle auf die Fed schauen – und vielleicht auf die falsche Größe

Für Goldanleger stehen derzeit vor allem zwei Themen im Mittelpunkt: die anhaltenden geopolitischen Spannungen und die außergewöhnlich hohen Goldkäufe der Zentralbanken. Beide Faktoren gelten als wichtigste Triebfedern der jüngsten Rekordrally.

Doch während sich die Aufmerksamkeit vieler Marktteilnehmer auf diese Entwicklungen richtet, könnte eine andere Institution kurzfristig den stärksten Einfluss auf den Goldpreis ausüben: die US-Notenbank Federal Reserve.

Noch vor wenigen Monaten gingen die meisten Analysten davon aus, dass die Fed im weiteren Jahresverlauf ihre Leitzinsen schrittweise senken würde. Inzwischen wird jedoch wieder ein Szenario diskutiert, das viele bereits ausgeschlossen hatten: Was passiert, wenn die Notenbank die Zinsen nicht senkt, sondern angesichts hartnäckiger Inflation sogar erneut anhebt?

Die Frage ist berechtigt. Denn traditionell gelten steigende Zinsen als Gegenwind für den Goldpreis. Gleichzeitig mehren sich die Hinweise darauf, dass dieser Zusammenhang heute deutlich weniger eindeutig ist als noch vor einigen Jahren.

Warum höhere Zinsen Gold normalerweise belasten

Gold besitzt Eigenschaften, die es seit Jahrhunderten zu einem begehrten Wertspeicher machen. Das Edelmetall lässt sich nicht beliebig vermehren, trägt kein Ausfallrisiko und hat über sehr lange Zeiträume seine Kaufkraft erhalten.

Einen Nachteil besitzt Gold allerdings ebenfalls: Es erwirtschaftet keine laufenden Erträge. Anders als Aktien zahlt es keine Dividenden, anders als Anleihen keine Zinsen. Die Rendite eines Goldinvestments entsteht ausschließlich durch steigende Kurse.

Genau daraus ergibt sich die Konkurrenz zu verzinslichen Anlagen. Solange sichere Staatsanleihen lediglich geringe Renditen bieten, fällt dieser Nachteil kaum ins Gewicht. Steigen die Zinsen jedoch deutlich an, werden festverzinsliche Wertpapiere attraktiver. Für Anleger erhöhen sich damit die sogenannten Opportunitätskosten eines Goldinvestments – also der Ertrag, auf den sie verzichten, wenn sie statt Anleihen Gold halten.

Aus diesem Grund reagiert der Goldpreis traditionell sensibel auf die Geldpolitik der US-Notenbank.

Die historische Erfahrung

Wie stark dieser Zusammenhang sein kann, zeigte sich im Zinserhöhungszyklus der Jahre 2022 und 2023. Die Federal Reserve erhöhte ihren Leitzins damals so schnell wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Viele Marktbeobachter erwarteten deshalb einen deutlichen Preisverfall bei Gold.

Doch dazu kam es nicht.

Zwar geriet der Goldpreis zeitweise unter Druck, insgesamt erwies er sich jedoch als erstaunlich widerstandsfähig. Spätestens seitdem stellt sich die Frage, ob die klassischen Zusammenhänge am Goldmarkt noch uneingeschränkt gelten.

Ein neuer Akteur bestimmt den Markt

Eine wesentliche Erklärung liegt in der veränderten Struktur der Goldnachfrage.

Während früher vor allem westliche Privatanleger und institutionelle Investoren den Markt dominierten, treten seit einigen Jahren zunehmend Zentralbanken als bedeutende Käufer auf. Seit 2022 haben zahlreiche Notenbanken ihre Goldreserven in außergewöhnlichem Umfang ausgebaut. Zu den größten Käufern zählen unter anderem China, Indien, Polen, die Türkei und Kasachstan.

Diese Akteure verfolgen jedoch andere Ziele als klassische Kapitalanleger. Für sie stehen kurzfristige Renditeüberlegungen meist nicht im Vordergrund. Stattdessen geht es um die Diversifizierung der Währungsreserven, eine geringere Abhängigkeit vom US-Dollar sowie um geopolitische und strategische Überlegungen.

Deshalb reagieren Zentralbanken häufig deutlich weniger empfindlich auf kurzfristige Veränderungen des Zinsniveaus.

Was wäre bei erneuten Zinserhöhungen zu erwarten?

Die Deutsche Bank hat dieses Szenario in einer aktuellen Analyse untersucht. Demnach könnte der Goldpreis bei mehreren zusätzlichen Zinsschritten der Federal Reserve auf etwa 3.800 US-Dollar je Feinunze zurückfallen.

Ein solcher Rückgang wäre zwar spürbar, würde den langfristigen Aufwärtstrend jedoch keineswegs infrage stellen. Im historischen Vergleich läge ein Goldpreis von 3.800 Dollar immer noch auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.

Die Analyse beschreibt damit keine Trendwende des Goldmarktes, sondern vielmehr eine mögliche Korrektur innerhalb eines langfristig intakten Bullenmarktes.

Mehrere Faktoren müssten gleichzeitig eintreten

Für einen nachhaltigen Preisrückgang wären allerdings weitere Voraussetzungen notwendig. Höhere Leitzinsen allein dürften kaum ausreichen.

Hinzukommen müssten eine dauerhaft sinkende Inflation, ein deutlich stärkerer US-Dollar, nachlassende Goldkäufe der Zentralbanken sowie eine Entspannung der geopolitischen Lage. Erst das Zusammenwirken dieser Faktoren könnte den Goldpreis nachhaltig belasten.

Ob ein solches Szenario tatsächlich eintritt, erscheint derzeit jedoch alles andere als sicher.

Das eigentliche Dilemma

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Sollte die Federal Reserve ihre Zinsen tatsächlich erneut anheben, wäre dies vermutlich eine Reaktion auf wieder steigenden Inflationsdruck oder eine überraschend robuste Konjunktur.

Gerade eine höhere Inflation gilt jedoch traditionell selbst als wichtiger Preistreiber für Gold. Damit könnten ausgerechnet jene Entwicklungen, die Zinserhöhungen erforderlich machen, gleichzeitig die Nachfrage nach dem Edelmetall stützen.

Der Zusammenhang zwischen Geldpolitik und Goldpreis ist daher deutlich komplexer geworden als in früheren Zinszyklen.

Die entscheidende Frage

Steigende Zinsen würden Gold zweifellos Gegenwind verschaffen. Kurzfristige Rückschläge wären in einem solchen Umfeld durchaus plausibel.

Die Zeit, in der die Federal Reserve jedoch nahezu allein die Richtung des Goldmarktes bestimmte, scheint vorbei zu sein. Heute beeinflussen geopolitische Unsicherheiten, die strategischen Käufe der Zentralbanken und das Vertrauen in das internationale Finanzsystem den Markt mindestens ebenso stark.

Damit rückt letztlich eine andere Frage in den Mittelpunkt: Werden die Zentralbanken ihre Goldreserven auch dann weiter ausbauen, wenn das Zinsniveau hoch bleibt?

Von der Antwort auf diese Frage dürfte langfristig weit mehr abhängen als von der nächsten Entscheidung der Federal Reserve.

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