Marktbericht KW 43 – Griechenland ist beim Schuldenmachen nicht allein

Gold und Silber bieten ihren Besitzern derzeit wenig Anlass zur Freude – beide Metalle haben in den vergangenen Tagen leichte Kursrücksetzer hinnehmen müssen. Für einige Marktbeobachter ist dies – mal wieder – ein Zeichen für das Ende der Hausse bei den Edelmetallen. Was ist also passiert? Ist Griechenland raus aus den Schulden? Haben die anderen Krisenstaaten der Europäischen Union ein wirkungsvolles Rezept gegen die seit Jahren grassierende Schulden-Epidemie gefunden?

Die europäische Statistikbehörde Eurostat hat in dieser Woche eindrucksvolle Zahlen präsentiert, die deutlich machen, welches der kleinste gemeinsame Nenner der europäischen Partner ist: Das Schuldenmachen. Denn obwohl Griechenland, Spanien, Italien, Portugal und andere Schuldenstaaten harte Sparanstrengungen versprochen haben, ist die Gesamtverschuldung innerhalb der EU weiter gestiegen. Durchschnittlich sind alle Staaten mit 82,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet – 2010 lag dieser Wert noch bei 80 Prozent. Noch schlimmer sieht es in der Euro-Zone aus: Hier liegt der Schuldenstand derzeit bei 87,3 Prozent und ist um 1,9 Prozentpunkte angestiegen.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wird deutlich, dass die EU alles andere als eine Stabilitätsunion ist. Denn der vom Stabilitätspakt zulässige Wert von 60 Prozent des BIP wird europaweit deutlich überschritten. Ein Schuldenstand von 80 Prozent gilt als problematisch – Europa hat diesen Wert längst übertroffen. Die Eurostat-Zahlen machen aber nicht nur deutlich, dass die gesamte europäische Union dringend zum Schuldnerberater müsste, der Vergleich mit Griechenland zeigt auch, dass Athen schuldentechnisch in einer anderen Liga spielt – und seine Spitzenposition weiter ausbaut. Der griechische Schuldenstand stieg von 165,3 auf 170,6 Prozent. Im Klartext: Selbst wenn die Griechen den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die sie in einem Jahr erwirtschaften, zum Schuldentilgen nutzen, wären sie nach einem Jahr immer noch verschuldet – und bei dieser Rechnung hätten sie keinen Cent für Schulen, Krankenhäuser oder Straßensanierung ausgegeben. Das ursprünglich vereinbarte Ziel, Griechenlands Schuldenlast bis 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken, ist in weite Ferne gerückt.

Und trotzdem führen die Griechen ihre europäischen Partner weiter vor: Stolz verkündete der griechische Finanzminister am Mittwoch einen Aufschub der Sparauflagen um zwei Jahre im Parlament. EZB, IWF und der deutsche Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – alle wiegelten ab. Dennoch zeichnet sich ab, dass die Griechen frisches Geld bekommen werden, damit sie nicht Mitte November in den Staatsbankrott rutschen. Ein Blick auf die griechischen Sparanstrengungen verdeutlicht die vermeintliche Ernsthaftigkeit – nur ein Beispiel: Die griechische Regierung hatte im vergangenen Jahr angekündigt, Staatseigentum im Wert von 50 Milliarden Euro zu privatisieren. Inzwischen liegt das Privatisierungsziel bei einem Bruchteil, höchstens 8,8 Milliarden Euro sind nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zu erwarten. Bis heute ist nur ein Bruchteil der 89 Maßnahmen, die im zweiten Hilfspaket vereinbart waren, umgesetzt.

Für die europäischen Partner wird ein Zahlungsaufschub in jedem Fall teuer: Bis zu 20 Milliarden Euro würde Griechenland in den zwei weiteren Jahren zusätzlich benötigen, um laufende Schulden zu begleichen – etwa sechs Milliarden Euro müsste Deutschland davon tragen. Schon jetzt ist von einem dritten Hilfspaket die Rede, von einem weiteren Schuldenschnitt und sonstigen Erleichterungen für Athen. Und durch die neuen Hilfsaktionen könnte auch die Regierung in Berlin durcheinander gewirbelt werden – bereits jetzt haben einige Abgeordnete ihr „Nein“ angekündigt. Ein weiteres Milliarden-Hilfspaket müsste nämlich vom Bundesrat besiegelt werden. Die Alternative ist allerdings weitaus dramatischer: 17.200.000.000.000 – diese Zahl bedeutet ausgeschrieben nicht nur „17,2 Billionen“, sondern auch: Weltweite Wirtschaftskrise. Denn 17,2 Billionen Euro soll ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone kosten, wie die Bertelsmann Stiftung errechnet hat. Wenn dann auch noch Portugal, Italien und Spanien die Währungsunion verlassen, wäre eine dramatische internationale Rezession unvermeidlich, die auch China und die USA belasten würde.

Unterdessen prognostizieren drei prominente Investoren dem Goldpreis einen weiteren Höhenflug im Jahr 2013 – zwar kommt die Voraussage des Goldpreises einer Glaskugel-Leserei gleich, aber die Einschätzungen von Jim Rogers, Jeremy Grantham und John Paulson sind dennoch von Bedeutung. Denn ihre Erklärungen sind durchaus fundiert – so erwartet Rogers beispielsweise mehrere Blasen auf dem Aktienmarkt. Zudem gehen alle drei Experten von einer steigenden Inflation aus, vor allem in den USA. Rogers, Grantham und Paulson wollen daher auch 2013 auf Gold setzen. Sie betonen aber, dass dabei viel Geduld nötig ist, da leichte Rücksetzer – wie in den vergangenen Tagen – immer möglich sind.

Zur Übersicht