Marktbericht KW 23: Gold ist der große Gewinner der EZB-Zinsentscheidung

Marktbericht KW 23: Gold ist der große Gewinner der EZB-Zinsentscheidung
Das große Gewitter an den Finanzmärkten ist ausgeblieben nach der Entscheidung der Europäischen Zentralbank – und nach der lang erwarteten Zinssenkung steht fest: Nicht die Aktienbesitzer sind die großen Gewinner, sondern Goldanleger. Das gelbe Metall legte gestern in der Spitze fast ein Prozent zu, während der DAX nur kurz die magische Marke von 10.000 Punkten überschritt. Seitdem kämpft er mit dem fünfstelligen Wert. Von einem weiteren Aktienboom und einem erneuten Goldpreisrutsch ist nichts zu sehen.

Woher kommt also die Ernüchterung auf den Aktienmärkten? Seit Wochen warteten Investoren gebannt auf weitere finanzpolitische Lockerungen durch die Europäische Zentralbank. Die Notenbanker rund um Mario Draghi hatten sich in den vergangenen Wochen wiederholt für eine weitere Senkung der bereits historisch niedrigen Leitzinsen ausgesprochen. Die Europäische Zentralbank stand unter Druck, die Inflation bleibt nach neuesten Schätzungen auf einem zu niedrigen Niveau – aktuell soll sie bei 0,6 Prozent liegen und damit weiter gesunken sein. Die EZB hat daher den Leitzins von 0,25 Prozent auf einen noch kleineren Zinssatz gesetzt und den Einlagensatz von derzeit null auf minus 0,1 Prozent verringern – Banken müssen nun draufzahlen, wenn sie Geld bei der EZB deponieren.

Die Leitzinssenkung galt schon vor Donnerstag an der Börse als sicher – dies war allerdings kein Wunder, immerhin drängen die Investoren nach billigem Geld für weitere Spekulationen. Die Börse hängt längst am Tropf der Zentralbank – und diese begibt sich auf einen gefährlichen Kurs. Denn das Geld, was sie zu Niedrigzinsen in die Märkte pumpt, landet nicht am gewünschten Ort – eigentlich sollte damit die Kreditvergabe an die Wirtschaft angekurbelt werden, doch die Banken tun sich weiterhin schwer mit der Kreditvergabe. Und die EZB könnte die Geldschleusen noch weiter öffnen – EZB-Chef Mario Draghi höchstpersönlich hatte vor einem Monat erklärt, das ein mögliches Anleihen-Ankaufsprogramm prinzipiell unbegrenzt sein könnte. Ein Anleihekaufprogramm nach dem Vorbild des „quantitative easing“ in den USA könnte die langfristigen Zinsen senken sowie Investitionen und Konsum anregen. Doch Sparer weiterhin mit einer realen Teil-Enteignung ihres Vermögens leben. Die Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparkassen sowie die Versicherungswirtschaft haben sich daher in einem dringenden Appell an die EZB-Spitze gewandt und darauf hingewiesen, dass zusätzliche geldpolitische Lockerungen gefährlich für die Spar- und Stabilitätskultur in Deutschland seien. Immerhin werden nicht nur Sparer, sondern alle Deutschen mit einer privaten Altersvorsorge weiter belastet.

Und die Hoffnung der Börsianer auf noch mehr billiges Geld steht auf dünnem Eis – ein baldiger Kursrutsch und eine neue Blase an den Finanzmärkten baut sich auf. Diese Gefahr sieht selbst die EZB – Investoren müssten wegen der Niedrigzinsen nach neuen Renditebringern suchen, heißt es im EZB-Finanzstabilitätsbericht. Ein schneller Abbau der jüngsten Kapitalflüsse ist wahrscheinlich. Fest steht: Die Schlacht um die Schuldenberge einiger Pleitestaaten in Südeuropa ist noch lange nicht geschlagen – im Gegenteil: Die Kreditklemme sorgt dafür, dass in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland die Wirtschaft weiter schrumpft und die Preise sinken. Die Deflation steht kurz vor der Tür – und sinkende Preise reißen die Wirtschaft in den Abgrund. Und eine Absenkung der Zinsen auf nur noch 0,1 oder 0,15 Prozent dürfte schnell verpuffen.

Der Goldpreis steht derzeit vor einer Richtungsentscheidung – wochenlang hat er leichte Verluste hinnehmen müssen, zuletzt wurde ein Chartdreieck nach unten aufgelöst. Die Unterstützung im Bereich von 1.250 Dollar wurde gebrochen und ist seitdem hart umkämpft. Die große Überraschung kam allerdings gestern: Obwohl erwartet wurde, dass die EZB den Goldpreis auf Talfahrt in Richtung 1.180 Dollar schickt, ging Gold als großer Sieger aus dem Niedrigzinsdrama hervor. Die Jagd auf neue DAX-Rekordstände dürfte hingegen endgültig vorüber sein – und Gold könnte seine Funktion als sicherer Hafen zurück gewinnen. Denn die fundamentalen Daten sprechen weiter für Gold – Argumente wie ein Erstarken der US-Wirtschaft oder eine Entspannung der geopolitischen Lage sind alles andere als stabil. In den USA sind keine besonderen Wachstumsraten zu verzeichnen, die Erholung steht auf sehr wackeligen Beinen.

Zur Übersicht