E-Auto-Boom: Droht jetzt der Absturz bei Platin und Palladium?

Seit Anfang Juni gibt es neue staatliche Anreize für Elektroautos. Für viele Beobachter scheint die Richtung klar: Immer mehr E-Autos, immer weniger Verbrenner. Doch was bedeutet das eigentlich für die Edelmetalle Platin und Palladium? Schließlich werden beide Metalle seit Jahrzehnten vor allem für Katalysatoren in Benzin- und Dieselfahrzeugen benötigt. Droht mit dem Siegeszug der Elektromobilität nun der große Nachfrageeinbruch? Oder könnte die Entwicklung deutlich komplizierter sein, als viele Anleger vermuten?

Wer über Platin und Palladium spricht, kommt am Automobilsektor nicht vorbei. Über viele Jahre hinweg war die Autoindustrie der wichtigste Nachfragetreiber für beide Metalle. Palladium wird hauptsächlich in Katalysatoren von Benzinfahrzeugen eingesetzt, während Platin traditionell vor allem bei Dieselmotoren verwendet wird.

Auf den ersten Blick scheint die Sache deshalb eindeutig zu sein. Ein reines Elektroauto benötigt keinen klassischen Abgaskatalysator und damit auch kein Palladium oder Platin für diesen Zweck. Wenn Verbrenner langfristig verschwinden, müsste die Nachfrage also zwangsläufig zurückgehen.

Tatsächlich ist die Realität jedoch deutlich komplexer. Denn selbst wenn die Zulassungszahlen von Elektroautos steigen, bedeutet das noch lange nicht das Ende des Verbrennungsmotors. Weltweit fahren derzeit weit über eine Milliarde Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor auf den Straßen, und dieser Fahrzeugbestand wird nicht über Nacht ersetzt.

Hinzu kommt, dass die Entwicklung regional sehr unterschiedlich verläuft. Während Europa und China die Elektromobilität massiv fördern, setzen viele Schwellen- und Entwicklungsländer weiterhin auf klassische Verbrenner oder Hybridfahrzeuge. Dort spielen Anschaffungskosten, Infrastruktur und Stromversorgung oft eine größere Rolle als Klimaziele.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind Hybridfahrzeuge. Viele moderne Hybride kombinieren einen Elektromotor mit einem Verbrennungsmotor. Da der Verbrenner weiterhin vorhanden ist, werden auch Katalysatoren benötigt. Tatsächlich kann der Edelmetallbedarf pro Fahrzeug bei bestimmten Hybridkonzepten sogar höher ausfallen als bei klassischen Verbrennern.

Besonders spannend ist die Situation bei Palladium. Das Metall profitierte in den vergangenen Jahren stark vom Boom der Benzinfahrzeuge. Gleichzeitig wurde Palladium zeitweise so teuer, dass viele Hersteller begonnen haben, wieder verstärkt auf Platin auszuweichen.

Diese sogenannte Substitution könnte auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Wenn Platin deutlich günstiger bleibt als Palladium, steigt der wirtschaftliche Anreiz, Palladium in Katalysatoren teilweise oder vollständig durch Platin zu ersetzen. Für die Nachfrageentwicklung beider Metalle ist das ein entscheidender Faktor.

Doch Platin und Palladium sind weit mehr als reine Auto-Edelmetalle. Platin spielt beispielsweise eine zentrale Rolle bei Wasserstofftechnologien und Brennstoffzellen. Gerade wenn Wasserstoff künftig eine größere Bedeutung in Industrie, Logistik oder Schwerlastverkehr erhält, könnte daraus zusätzliche Nachfrage entstehen.

Auch in der Chemieindustrie, der Medizintechnik, der Elektronikindustrie und bei verschiedenen Spezialanwendungen werden beide Metalle benötigt. Diese Bereiche sind zwar kleiner als die Automobilindustrie, können aber langfristig an Bedeutung gewinnen.

Hinzu kommt die Angebotsseite. Sowohl Platin als auch Palladium werden nur in wenigen Regionen der Welt gefördert. Südafrika dominiert den Platinmarkt, während Russland und Südafrika bei Palladium eine zentrale Rolle spielen. Bereits kleinere Produktionsausfälle können deshalb erhebliche Auswirkungen auf die Preise haben.

Für Anleger bedeutet das: Die Preisentwicklung von Platin und Palladium hängt nicht ausschließlich von der Elektromobilität ab. Angebot, Recyclingquoten, industrielle Anwendungen, geopolitische Risiken und technologische Entwicklungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Wer heute behauptet, Platin und Palladium seien wegen der Elektromobilität zwangsläufig Auslaufmodelle, greift daher zu kurz. Zwar dürfte die Nachfrage aus dem klassischen Verbrennerbereich langfristig unter Druck geraten. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Anwendungsfelder, während der weltweite Fahrzeugbestand noch über viele Jahre hinweg auf Verbrennungstechnik angewiesen sein wird.

Gerade bei Platin sehen viele Marktbeobachter deshalb weiterhin interessante Perspektiven. Das Metall vereint Eigenschaften eines Industriemetalls mit denen eines klassischen Edelmetalls und könnte von mehreren langfristigen Trends gleichzeitig profitieren.

Fassen wir zusammen: Die neue Förderung von Elektroautos verstärkt den Trend zur Elektromobilität. Dennoch bedeutet das nicht automatisch einen Zusammenbruch der Nachfrage nach Platin und Palladium. Verbrenner und Hybridfahrzeuge werden weltweit noch lange eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig entstehen neue industrielle Anwendungen, insbesondere im Bereich Wasserstofftechnologien. Die Zukunft dieser beiden Edelmetalle dürfte deshalb deutlich differenzierter ausfallen, als es viele Schlagzeilen vermuten lassen.

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