Fed erhöht die Zinsen: Was jetzt mit Gold passieren könnte
Die amerikanische Notenbank hat die Zinsen erhöht – und eigentlich sollte das eine schlechte Nachricht für Gold sein. Schließlich zahlt Gold keine Zinsen. Werden Staatsanleihen und andere verzinste Anlagen attraktiver, müsste der Goldpreis also fallen. So zumindest lautet eine der ältesten Börsenregeln überhaupt.
Doch ein Blick auf die vergangenen zehn Zinserhöhungszyklen der Federal Reserve zeigt etwas völlig anderes: Zwölf Monate nach der ersten Zinserhöhung stand Gold in sieben von zehn Fällen höher. Im Durchschnitt betrug das Plus sogar 6,1 Prozent. Was bedeutet das nach der jüngsten Zinserhöhung also konkret für Gold?
Am 16. September hat die Federal Reserve ihren Leitzinskorridor um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Es war die erste Zinserhöhung seit 2023. Die Fed begründet den Schritt mit der weiterhin erhöhten Inflation und hat gleichzeitig signalisiert, dass weitere Straffungen folgen könnten.
Und zunächst reagierte Gold tatsächlich so, wie es das Lehrbuch erwarten lässt. Nach der Entscheidung geriet der Goldpreis unter Druck und verlor zeitweise mehr als ein Prozent.
Das ergibt durchaus Sinn. Steigen die Zinsen, werden verzinste Anlagen attraktiver. Gold wirft dagegen weder Zinsen noch Dividenden ab. Gleichzeitig können höhere amerikanische Renditen den Dollar stärken, wodurch Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums teurer wird.
Kurzfristig spricht also tatsächlich einiges gegen Gold. Historisch war genau das häufig zu beobachten. Nach den vergangenen zehn ersten Zinserhöhungen seit 1972 verlor Gold im folgenden Monat durchschnittlich 0,7 Prozent. Nur in vier dieser zehn Fälle lag der Preis nach einem Monat höher.
Doch danach wird es interessant. Drei Monate nach der ersten Zinserhöhung lag Gold historisch bereits durchschnittlich fünf Prozent im Plus. In sieben von zehn untersuchten Zyklen war der Goldpreis gestiegen. Nach sechs Monaten betrug das durchschnittliche Plus 6,6 Prozent.
Und nach zwölf Monaten lag Gold im Durchschnitt 6,1 Prozent höher. Der Median – also der Wert, bei dem extreme Ausreißer weniger stark ins Gewicht fallen – betrug sogar plus 8,1 Prozent. In sieben der zehn untersuchten Zinserhöhungszyklen hatte Gold nach einem Jahr zugelegt.
Einige Beispiele sind besonders bemerkenswert. Nach Beginn des Zinserhöhungszyklus 1972 legte Gold innerhalb eines Jahres rund 36 Prozent zu. Nach dem Start 1977 waren es rund 27 Prozent. Nach der ersten Zinserhöhung Anfang 1987 gewann Gold gut 20 Prozent, und selbst nach Beginn des Zinserhöhungszyklus von 2015 lag das Edelmetall zwölf Monate später gut acht Prozent höher.
Selbst der aggressive Zinserhöhungszyklus, der im März 2022 begann, führte auf Jahressicht nicht zu einem Einbruch. Zwölf Monate später lag Gold laut der zugrunde liegenden Auswertung rund 2,4 Prozent höher.
Zinserhöhung gleich fallender Goldpreis? Historisch war es so einfach also keineswegs.
Der Grund liegt darin, dass nicht allein die Höhe der Zinsen entscheidend ist. Viel wichtiger ist, was nach Abzug der Inflation von diesen Zinsen übrig bleibt. Das ist der sogenannte Realzins. Nehmen wir vereinfacht an, eine Anleihe bringt vier Prozent Zinsen, während die Inflation ebenfalls ungefähr vier Prozent beträgt. Dann sieht die Rendite auf dem Papier zwar attraktiv aus, real wächst die Kaufkraft aber kaum. Genau in einem solchen Umfeld kann Gold trotz steigender Nominalzinsen interessant bleiben.
Anders sah es Anfang der 1980er-Jahre aus. Unter Fed-Chef Paul Volcker wurden die Zinsen massiv angehoben, um die hohe Inflation zu brechen. Nach Beginn des Zinserhöhungszyklus im Juli 1980 verlor Gold innerhalb eines Jahres rund 38 Prozent. Entscheidend war, dass die Geldpolitik die realen Zinsen massiv nach oben drückte und der Inflation schließlich tatsächlich das Genick brach.
Das ist ein ganz anderes Umfeld als eine vorsichtige Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei gleichzeitig hartnäckigem Preisdruck.
Deshalb sollten Goldanleger weniger auf die Schlagzeile „Fed erhöht Zinsen“ schauen und stärker darauf achten, was mit Inflation und realen Renditen geschieht.
Die Geschichte liefert natürlich keine Garantie dafür, dass Gold nach der aktuellen Zinserhöhung wieder steigen wird. Zehn historische Zinserhöhungszyklen sind außerdem keine riesige statistische Datenbasis, und jeder Zyklus hatte völlig andere wirtschaftliche Voraussetzungen.
Trotzdem widerlegen die Zahlen eine weit verbreitete Vorstellung: Steigende Zinsen sind nicht automatisch der natürliche Feind von Gold.
Entscheidend ist vielmehr, warum die Fed die Zinsen erhöht. Wenn die Notenbank aggressiv genug strafft, um die Inflation deutlich zu drücken und dauerhaft hohe positive Realzinsen zu schaffen, kann das erheblichen Druck auf Gold ausüben. Genau das zeigte die Volcker-Ära.
Wenn die Fed dagegen die Zinsen erhöht, weil die Inflation hartnäckig bleibt, sieht die Rechnung anders aus. Dann konkurriert Gold nicht einfach mit einem attraktiven risikolosen Zinsertrag. Anleger müssen sich vielmehr fragen, wie viel Kaufkraft ihnen nach Inflation tatsächlich bleibt. Und genau deshalb dürfte für Gold jetzt weniger entscheidend sein, dass die Fed die Zinsen erhöht hat. Entscheidend wird sein, wie weit sie gehen muss.